Schnell verlassen

So sieht eine erste Einschätzung aus

Ein erfundenes Beispiel, keine echte Person: Eine erste Einschätzung liest sich nie wie eine Vorlage, sondern wie eine Antwort auf genau das, was du geschrieben hast. Damit du eine Vorstellung bekommst, wie das aussieht, zeige ich eine Beispielanfrage und meine vollständige Antwort darauf.

Was jemand mir schreiben könnte

Ich bin 47, seit 19 Jahren verheiratet, zwei Kinder, 16 und 19, die Große zieht im Herbst aus. Ich leite seit acht Jahren eine Abteilung, vierzehn Leute, der Job hat mich früher ausgefüllt und läuft jetzt einfach weiter, auch ohne mich. Von außen ist alles in Ordnung — ich verdiene gut, die Ehe ist ruhig, wir streiten praktisch nie, niemand würde auf die Idee kommen, dass bei mir etwas nicht stimmt. Aber seit vielleicht zwei Jahren liege ich nachts wach und frage mich, ob das jetzt alles war. Angefangen hat es glaube ich an meinem 45., da hat mir am Esstisch jemand gratuliert, und ich habe gedacht: In zwanzig Jahren sitze ich an genau diesem Tisch, und es wird genau so sein wie heute. Ich funktioniere tagsüber, wirklich, ich halte Vorträge, ich entscheide, alle halten mich für den, der alles im Griff hat. Und abends sitze ich nach dem Parken noch zwanzig Minuten in der Garage, Motor aus, Radio an, und tue so, als würde ich am Handy etwas nachsehen. Meine Frau klopft dann manchmal ans Fenster und fragt, ob alles okay ist, und ich sage ja, war nur noch eine Mail. Mit ihr rede ich über Termine und die Kinder, nicht darüber. Mit Freunden treffe ich mich alle paar Wochen, wir reden über Arbeit und Fußball, und ich bin der, bei dem alles läuft. Ich war letztes Jahr beim Gesundheitscheck, alles unauffällig, und ich habe im Wartezimmer beinahe gehofft, sie finden irgendetwas, damit es einen Grund gibt. Früher habe ich Gitarre gespielt und bin im Sommer Bergtouren gegangen, beides steht noch im Keller. Ich habe noch nie mit irgendjemandem darüber gesprochen, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob daraus überhaupt etwas werden kann.

Meine erste Einschätzung

Du schreibst, dass von außen alles in Ordnung ist — der Job, das Einkommen, eine Ehe, in der praktisch nie gestritten wird — und dass du seit etwa zwei Jahren nachts wach liegst und dich fragst, ob das jetzt alles war. Angefangen hat es an deinem 45.: In zwanzig Jahren sitze ich an genau diesem Tisch, und es wird genau so sein wie heute. Tagsüber funktionierst du, wirklich; abends sitzt du nach dem Parken noch zwanzig Minuten in der Garage, Motor aus, Radio an. So habe ich dich verstanden; korrigier mich, wenn ich etwas falsch lese.

Vorweg ein Satz, den ich nicht schreibe, um dich zu trösten, sondern weil er stimmt: Du führst eine Abteilung, du hältst Vorträge, du entscheidest, du bist zu Hause da — und trägst dabei etwas, über das du nach deinen eigenen Worten noch nie mit irgendjemandem gesprochen hast. Dass es jetzt zum ersten Mal aufgeschrieben ist, ist kein kleiner Schritt.

In deinem Text liegen für mich drei verschiedene Dinge übereinander. Das erste ist die Frage, ob du mit jemandem sprichst — mit deiner Frau, oder mit den Freunden, bei denen es um Arbeit und Fußball geht. Am Autofenster sagst du: war nur noch eine Mail. Dabei gibt es zwei sehr verschiedene Gründe zu reden: damit du das Gewicht nicht länger allein trägst — oder damit zwischen euch etwas anderes möglich wird als Termine und Kinder. Beides ist verständlich, und es sind zwei verschiedene Gespräche.

Das zweite steht in einem Satz, den du fast nebenbei schreibst: dass du im Wartezimmer beinahe gehofft hast, sie finden irgendetwas, damit es einen Grund gibt. Ich lese darin — sag mir, wenn ich danebenliege —, dass dir weniger eine Erklärung fehlt als eine Erlaubnis. Wem gegenüber müsste es einen Grund geben, damit das, was du nachts denkst, zählt?

Das dritte ist eine Beobachtung an einer Stelle: Die Große zieht im Herbst aus. Das steht in deinem ersten Satz und kommt danach nicht mehr vor — während das Bild, das dich wachhält, eines ist, in dem sich zwanzig Jahre lang nichts ändert. Das sind drei verschiedene Fragen, und keine davon musst du heute beantworten.

Wenn du magst, ein kleiner Impuls, nur für dich: Schreib nach einem dieser zwanzig Minuten auf, was in der Garage eigentlich passiert. Nicht warum — nur was. Du schreibst, du weißt nicht, ob daraus überhaupt etwas werden kann. Ich verspreche dir nichts — und ich glaube nicht, dass das heute entschieden werden muss.

Wenn du magst, schreib mir, welcher dieser drei Fäden sich gerade am lautesten meldet — dort machen wir weiter. Es reicht ein Absatz, und es gibt keine Frist.

— Stefan

Wenn du magst, kannst du jetzt selbst aufschreiben, was bei dir los ist. Schreib auf, was los ist