Schnell verlassen

So sieht eine erste Einschätzung aus

Ein erfundenes Beispiel, keine echte Person: Eine erste Einschätzung liest sich nie wie eine Vorlage, sondern wie eine Antwort auf genau das, was du geschrieben hast. Damit du eine Vorstellung bekommst, wie das aussieht, zeige ich eine Beispielanfrage und einen Auszug aus meiner Antwort darauf.

Was jemand mir schreiben könnte

Ich bin 47, zwei Kinder fast aus dem Haus, ein Job, der mich früher ausgefüllt hat und jetzt nur noch läuft. Von außen ist alles in Ordnung — ich verdiene gut, die Ehe ist ruhig, niemand würde auf die Idee kommen, dass bei mir etwas nicht stimmt. Aber seit vielleicht zwei Jahren liege ich nachts wach und frage mich, ob das jetzt alles war. Ich funktioniere tagsüber, und abends sitze ich in der Garage oder vorm Fernseher und spüre nichts mehr dabei. Mit meiner Frau rede ich über Termine und die Kinder, nicht darüber. Meine Freunde sehen mich als den, der alles im Griff hat. Ich habe noch nie mit irgendjemandem darüber gesprochen, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob daraus überhaupt etwas werden kann.

Auszug aus meiner Antwort

Was du beschreibst, ist kein Zusammenbruch — und genau das macht es so schwer, es ernst zu nehmen. Alles läuft, und trotzdem hast du das Gefühl, daneben zu stehen. Viele, die mir Ähnliches schreiben, entschuldigen sich im ersten Satz dafür, dass es ihnen „eigentlich an nichts fehlt". Du musst dich hier nicht rechtfertigen. Dass du funktionierst, heißt nur, dass du funktionierst — nicht, dass es dir gut geht.

In deinen Zeilen stecken zwei Dinge, die du trennen darfst. Das eine ist die Leere: die Frage, ob das alles war. Das andere ist das Alleinsein damit: Du hast zwanzig Jahre lang gelernt, der zu sein, der trägt — und niemand hat dir je gezeigt, wo man so etwas ablegt. Alles allein zu tragen war nie deine einzige Möglichkeit, nur die einzige, die dir je gezeigt wurde. Die Leere lässt sich nicht wegschreiben. Aber sie wird kleiner, sobald sie nicht mehr nur in deinem Kopf existiert.

Dass du schreibst statt redest, ist dabei kein Behelf — es ist für viele Männer der ehrlichere Weg. Niemand sitzt dir gegenüber, niemand schaut dich an, du musst nichts „zugeben". Du bestimmst Tempo und Worte, und du kannst mitten im Satz aufhören und morgen weiterschreiben.

Bevor wir weitermachen, wäre mein Vorschlag: Schreib mir, wie ein ganz gewöhnlicher Abend bei dir aussieht — von dem Moment, in dem du nach Hause kommst, bis du ins Bett gehst. Nicht die Ausnahme, der Durchschnitt. Daraus lässt sich mehr lesen als aus der großen Frage, ob das alles war.

[ Hier bricht der Auszug ab … ]

— Stefan

Wenn du magst, kannst du jetzt selbst aufschreiben, was bei dir los ist. Schreib auf, was los ist